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Berichte von Clubmitgliedern ausserordentliche Touren

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Hanspeter Bratschi
mit Sonderberichten

Bericht zur G3-Tour vom 30. Mai 2018

Um es gleich vorweg zu nehmen: Ich hatte mir wirklich fest vorgenommen, nach meinem Jekami-Tourenbericht im 2016 beim nächsten Mal über eine G1- oder G2-Tour zu berichten. Es sollte nicht sein…

Die VCS-Velosaison 2018 ist noch nicht mal in der Halbzeit angelangt und ich wage schon die Behauptung, dass Hansjörg Baumann’s G3-(früher: Jekami-)Tour vom Mittwoch-Abend, 30. Mai 2018, in die Vereinsgeschichte eingehen wird. Bereits am Vormittag – zugegebenermassen bei stahlblauem Himmel und Sonnenschein - überraschte er die SMS-Empfänger mit der Botschaft: „Die G3-Tour heute Abend findet statt“. Meine Wetter-App von SF Meteo stellte schon seit Tagen für Mittwoch-Abend Gewittergüsse genau in unserer Region und zur üblichen Startzeit in Aussicht. Ich las die SMS also nochmals ganz genau auf der Suche nach dem Wörtchen „NICHT“, fand aber nichts und kam schliesslich zum Schluss: Hansjörg hat vermutlich eine andere Wetter-App oder einen ganz besonderen Draht zu Petrus. Auf jeden Fall bewies er Mut!

Den bewiesen auch weitere 11 (!) Fahrer und Fahrerinnen, die sich wie immer pünktlich ab 18 Uhr am Sternenplatz in Spreitenbach einfanden. Über Baden hatte sich der Himmel bereits bedenklich verdunkelt, aber da unsere geplante Route im Grossen und Ganzen in die entgegengesetzte Richtung führen sollte, vertrauten wir auf Hansjörgs Optimismus, der uns immerhin in Aussicht stellte, dass es verschiedene Möglichkeiten zur vorzeitigen Umkehr gibt, falls…

Die wenigen nicht motorisierten Radler wie Heidi Bratschi, Geri Weber, Rolf von Burg und ich reihten sich hinter Hansjörg ein, während Claire Stutz, Ursi Treier, Johanna Höhn, Albert Blatter, Hansueli Locher sowie Max Schenk mit ihren Elektro-Boliden folgten. Unterwegs nach Würenlos gabelten wir noch Christine Baumann auf, die uns entgegen gefahren war. Vielleicht ein bisschen zügiger als sonst leitete Hansjörg uns über die bestens bekannten Pfade Richtung Würenlos und via Oetlikon nach Otelfingen. Wir passierten den grossen Kreisel und vor dem Anstieg gab Hansjörg frei, auf dass jeder die Höhe nach Boppelsen in seinem eigenen Tempo erklimme. Zwischenzeitlich hatten uns die zunächst nur über Baden dräuenden Gewitterwolken dank kräftigem Wind eingeholt und es war schon ziemlich dunkel geworden. Zum Glück verfügen die E-Bikes über kräftige Lampen, die die Autofahrer auf unseren Trupp aufmerksam machen konnten… Wir erreichten also Boppelsen, passierten die Baustelle mitten im Dorf und setzten die Fahrt fort bis zur Bushaltestelle „Bobbelsen, Hand“, als auch schon vereinzelte, schwere Tropfen vom Himmel fielen.

Jetzt war ein seccer Entscheid gefragt! Sollten wir wie geplant durch den Wald und über den Regensberg weiterfahren oder besser via Buchserstrasse hinunter ins Furttal nach Hause radeln? Das Bushäuschen versprach Schutz und so vertagten wir den Entscheid für’s Erste, parkierten unsere Räder und machten es uns auf der Bank gemütlich. Auf Claires Vorschlag wollten wir  zehn Minuten warten und uns dann entscheiden. Aus den zehn sollten schlussendlich fünfzig Minuten der besonderen Art werden:

Die Gewitterfront hatte offensichtlich beschlossen, nicht über die Lägere weiterzuziehen, sondern sich über Boppelsen häuslich einzurichten. Der Regen prasselte inzwischen in sintflutartigen Dimensionen aufs Dach des Bushäuschens und flutete die Strassen. Es dauerte nicht lange und das Trommeln von Hagelkörnern mischte sich mit dem Regengeprassel zu einem ohrenbetäubenden Stakkato, so dass wir unser eigenes Wort kaum noch verstanden. Zusätzlich zu den Bächen, die sich die Strassen entlang wälzten gesellten sich Wasserfälle und Wasserläufe, die sich ihren Weg durch die hanglagigen Gärten suchten und eine beachtliche Menge Erde und Dreck mitführten. Vielleicht war auch noch Wasser eines über die Ufer getretenen Baches dabei – so genau liess sich das nicht mehr unterscheiden…Auf jeden Fall waren die Gullis schon völlig überfordert und das Wasser stürzte in Fontänen über sie hinweg – ein fast schon schöner Anblick! Nebst dem Wasser hatte auch der Wind kräftig zugelegt. Sturmböen peitschten den Regen und Hagel in unser Bushäuschen und jagte uns auf die Sitzbank hinauf, was aber nicht wirklich half… Trotz den übergezogenen Regenjacken wurde es langsam aber sicher ungemütlich! Sogar der Bus der Linie 450, der an „unserer“ Haltestelle seine Endstation-Pause abhielt, bot keinen Schutz. Die wenigen Fahrgäste, die eigentlich hier aussteigen sollten, verharrten so lange wie möglich im Bus, in der Hoffnung, dass sich das Unwetter verziehe, bevor der Bus seine Runde wieder aufnimmt. Fehlanzeige! Auch diese Bedauerlichen mussten sich den Naturgewalten stellen, das Fahrzeug verlassen und im strömenden Regen, innert Sekunden durchnässt, nach Hause rennen…

Der Bus war weg, dafür kam jetzt die Feuerwehr, sperrte die Strasse ins Furttal für sämtlichen Verkehr und nahm uns damit die Entscheidung ab, über welche Route wir den Heimweg antreten sollten. Jetzt war es nur noch eine Frage des richtigen Zeitpunktes! Dank diversen Handys waren wir übrigens in unserem Bushäuschen nicht ganz auf uns allein gestellt. Denise Feurer, die unseren Aufbruch vom Sternenplatz mitverfolgt hatte, rief Ursi an und anerbot sich, uns Unglücksraben zu retten und in zwei Fuhren nach Hause zu bringen. Da wir dann aber unsere Räder – insbesondere die etwas kostspieligeren E-Bikes – unbewacht in Boppelsen hätten zurücklassen müssen, verzichteten wir auf ihr grosszügiges Angebot. Wenn jetzt Hansjörg Feurer mit einem Gelenkbus der VBZ vorbeigekommen wäre, hätten wir ja nochmal darüber nachdenken können…;-))

Es half alles nichts: Der Regen liess – wenn überhaupt – nur unwesentlich nach, der Wind blies fröhlich weiter und auch der Hagel hatte noch genügend Munition. So machte Hansjörg der Warterei ein Ende und blies zum Angriff bzw. zur Abfahrt. Allgemeine Richtung: „nach Hause“, ohne Halt unterwegs und auch auf den obligaten Umtrunk im Anschluss an unsere Ausfahrten wurde für einmal verzichtet. Ursi und Claire leerten ihre Poschti-Körbli am Velo von Hagelkörnern und die übrigen versuchten, ihre Velosattel etwas zu trocknen. Und los ging’s! Diesmal machte ich den Anfang und Hansjörg übernahm den Schluss.

Den gleichen Weg Richtung Otelfingen, den wir Stunden zuvor mehr oder weniger mühsam hoch pedalt waren, sausten wir nun im Schnellzugtempo hinunter. Wir hätten genauso gut paddeln oder direkt den Weg über’s Bachbett wählen können… Die reissenden Wassermassen trugen uns förmlich ins Tal hinunter. Glückerweise schützten unsere Velohelme vor den Hagelkörnern, den Regen hielten sie aber auch nicht ab. Wir hatten Boppelsen noch nicht mal richtig hinter uns gelassen, da waren wir auch schon nass bis auf die Knochen. Und jetzt kam noch ein weiteres Problem dazu: Es blitzte in einem Fort! Die Erinnerung an erst vor wenigen Tagen durch die Presse geisternde Meldungen von vom Blitz getroffenen Velofahrern machten die Sache auch nicht besser… Also noch einen Gang zulegen, um dieses Abenteuer möglichst schnell hinter uns zu bringen!

Heidi folgte direkt in meinem Fahrwasser (im wahrsten Sinne des Wortes!), danach kamen Rolf, Hansueli und Albert, die ohne zu zögern heimwärts zogen, während Heidi mich zwischen mehreren Ladungen Spritzwasser in Würenlos darauf hinwies, dass Ursi unsere rasante Fahrt abrupt abgebrochen hatte. Sie hatte mitbekommen, dass Claires Akku Probleme gemacht hatte und sie möglicherweise (allein?!) zurückgeblieben sei. Ursi wolle genau hier auf Claire warten. Punkt. Das ging nun aber gar nicht! Also machte ich rechtsumkehrt und pedalte den Weg Richtung Oetlikon wieder zurück, um Claire allenfalls „unterstützend“ zu begleiten. Ich begegnete Max und Johanna und zuletzt auch dem Schlussfahrer Hansjörg, der ebenfalls wendete und sich zusammen mit mir auf die Suche nach Claire machte – ohne Erfolg, keine Spur von ihr oder Christine. Also wieder umkehren, von Hansjörg verabschieden und zurück zu Ursi und Heidi radeln. Die waren inzwischen aber auch nicht mehr in Würenlos, sondern hatten sich bis an den Bahnhof Killwangen durchgekämpft, wo sie schlotternd unter dem Dach Schutz suchten und auf mich und Claire warteten. Als ich alleine aufkreuzte, waren die Damen nicht eben begeistert, aber geistesgegenwärtig wählte Ursi Christines Anschluss und erfuhr so, dass Claire trotz Akku-Problemen gut vorangekommen sei und einfach die Buechzelgli- statt die Altwiesenstrasse gewählt hatte und wahrscheinlich schon sicher und warm zuhause angekommen sei…

Dergestalt beruhigt trennten Heidi und ich uns von Ursi, erklommen den Bahnhofhügel und enterten unsere Tiefgarage bzw. setzten sie beinahe mit unseren durchweichten Kleidern, Schuhen und Velos unter Wasser…

Da ich diese Zeilen schreibe, freue ich mich an einem trockenen und warmen Zimmer und mache mir so meine Gedanken zur modernen Technik, insbesondere Smartphones. Sie sind manchmal wirklich eine tolle Sache: Sie warnen uns vor Unwettern (schliesslich können sie nichts dafür, wenn wir nicht auf sie hören), halten alles in Bild und Ton fest, liefern Hilfe (sofern wir sie anfordern) und dienen ganz allgemein der Beruhigung.

Wie auch immer – der Preis für die spektakulärste VCS-Ausfahrt des Jahres 2018 geht definitiv an Hansjörg Baumann. Niemand sonst schafft es, auf knapp 15 Kilometern (bei mir waren es mit allen Umwegen 23 Kilometer) so viel Action, Emotionen und Naturgewalten einzubauen! Herzlichen Dank für dieses Abenteuer und mein Kompliment an alle tapferen Mitstreiter und Mitstreiterinnen. Aber nichts desto trotz freue ich mich auf zukünftig etwas ruhigere und trockenere G3-Touren!

Euer Hans-Peter Bratschi

Bericht über die Stilfserjochtour vom 15. bis 18. Juli 2018

Einmal im Leben das Stilfser Joch, die Königsetappe am Giro d’Italia, selber mit dem Rad erklimmen. Dieser Pass, der aufgrund seiner Lage und der Höhe jeweils nur wenige Monate im Jahr überhaupt befahrbar ist, und der nebst dem Col d’Iseran in Frankreich in der Radsportszene zu einem der prestigeträchtigsten Anstiege in den Alpen zählt, hatte es mir schon seit Längerem angetan. Mein am letzten Chlaushock  spontan geäusserter Wunsch wurde von Rolf von Burg mit Begeisterung aufgenommen und ohne viel Federlesens in die Tat umgesetzt. Nachdem der Termin einmal fixiert war - was bei meiner auf die Schulferien ausgerichteten Agenda nicht ganz einfach ist - präsentierte Rolf bereits am 9. Januar 2018 (!) einen ersten Tourenvorschlag für das Abenteuer «Stilfserjoch Tortour» (das ist kein Schreibfehler…), um eventuell noch weitere Interessierte ins Boot zu holen.

Nach einer mehr oder weniger intensiven sportlichen Vorbereitung in den letzten Wochen und Monaten trafen sich schlussendlich am Sonntag, 15. Juli 2018, pünktlich um 7.30 Uhr, Rolf von Burg, Rolf Hurter, Röbi Giacomelli und Mike Matthews bei mir zu Hause zum finalen Velo- und Gepäckverlad. Dank einer logistischen Meisterleistung brachen schlussendlich zwei Autos mit fünf abenteuerlustigen VCS-lern, ebenso vielen Velos und einer Ladung Gepäck obendrauf in Richtung Bündnerland auf. Bis Klosters kamen wir zügig voran und auch am Autoverlad Vereina blieb keine Wartezeit, was meine Blase überhaupt nicht goutierte… Ich war echt froh, dass wir nach der Tunnelfahrt gleich in Sagliains ein hübsches Café für unseren ersten Pit-Stop bzw. Kaffee- und Kuchen-Halt fanden. Frisch gestärkt nahmen wir den zweiten Teil der Anreise in Angriff und fuhren via Zernez über den Ofenpass hinunter ins Val Müstair bis Santa Maria im Münstertal, wo wir für die nächsten drei Nächte unser Quartier bezogen. Eine Bekannte von Röbi führt in diesem schmucken Bündner Dorf die Jugendherberge, wo er für uns zwei Mehrbettzimmer reserviert hatte. Röbi und Rolf vB teilten sich das Zimmer im Erdgeschoss, wo sie (in weiser Voraussicht) von äusserst kurzen Wegen profitieren konnten, und schickten Rolf H, Mike und mich in die oberen Gefielde.

Nachdem wir uns in der Jugi einigermassen häuslich eingerichtet hatten, sah Rolf vBs Programm am Nachmittag ein leichtes Einfahren vor. Die Begeisterung hielt sich nach einem ersten Blick auf die umliegende Topographie aber begreiflicherweise in engen Grenzen: Wo wir auch hinschauten, gingen die Strassen entweder hinauf oder hinunter (und dann wieder hinauf). Kein flacher Streckenabschnitt weit und breit… Ob dieser nicht so tollen Aussichten gönnten wir uns erst einmal eine Stärkung im wunderbar rustikalen Café der Bäckerei Meier im Ort, die wir dank ihren günstigen Öffnungszeiten (täglich von 7 bis 7 Uhr) während unserem Aufenthalt noch mehrmals aufsuchen sollten (also eine Art «Gländer»). Dort trafen wir ein paar Verwandte von Röbi, der dann als erster von unserem Programm abwich und sich nach dem Imbiss allein mit ihnen nach Hause ging. Wir übrigen rangen uns doch noch zu einer Akklimatisierungs-Velotour in Richtung Italien auf, das wir locker nach knapp 6 (bergab-)Kilometern via Münster erreichten. In Taufers, der ersten Ortschaft auf italienischem Boden, standen wir allerdings überall vor verschlossenen Türen - unsere südlichen Nachbarn befanden sich wohl alle schon in den Ferien und uns blieb nichts anderes übrig, als umzukehren… Die 6 (bergauf-) Kilometer zurück gingen dann nicht mehr ganz so flott, aber dafür hatten wir uns das anschliessende, erste Bier des Tages dann wirklich redlich verdient! Nach einem stärkenden Znacht, zu dem auch Röbi wieder zu uns stiess, hauten wir uns schon bald auf’s Ohr und versuchten, trotz den jeweils ungewohnten Zimmergenossen zu einer erholsamen Mütze Schlaf zu kommen…

Am Montag, 16. Juli 2018, war bereits um 7 Uhr Tagwache angesagt. Es folgte ein eher einfaches Frühstück, das meines Erachtens den kommenden sportlichen Herausforderungen nicht ganz gerecht wurde. Nichtsdestotrotz standen wir pünktlich um 9 Uhr bereit zur Abfahrt und setzten uns, beladen mit mehr (ich) oder weniger (Mike) Verpflegung, Tranksame, Ersatzpneu, Pumpe etc. in Bewegung. So hatten wir wenigstens die erste der beiden wichtigsten Stelvio-Pass-Regeln (NIE am Wochenende) beherzigt, während wir die zweite Regel (möglichst früh aufbrechen) mal aussen vor liessen… Das Wetter präsentierte sich – nach den nicht gerade berauschenden Prognosen in der Woche vorher – überraschend gut: Viel Sonne, einzelne Schäfchen-Wolken und eine der Höhe angemessene, mässige Temperatur. Also ideal für unser heutiges Unterfangen!

Wir nahmen den bereits am Vortag abgeradelten Weg nach Italien erneut unter die Räder und fuhren via Prad am Stilfserjoch nach Trafoi, wo wir einen ersten Kaffeehalt einlegten, um unsere Kräfte vor dem grossen Aufstieg zum Stilfserjoch nochmals zu sammeln. Die nun folgenden Kilometer hinauf bis zur Passhöhe nahm jeder für sich allein in Angriff. 1850 Höhenmeter, verteilt auf 48 (angeblich) unvergessliche Kehren mit einer Maximalsteigung von 16% galt es zu überwinden - je nach Trainingsstand und Kondition in mehr oder weniger flottem Tempo. Die härteren Anstiegsmeter verlaufen noch in einem glücklicherweise schattenspendenden Lärchenwald und man ist gut beraten, die ersten zehn Kilometer des Anstiegs respektvoll und nicht zu übermütig anzugehen. Da der Stelvio-Pass nicht nur bei uns Radfahrern Kultstatus geniesst, sondern offensichtlich auch bei (Renn-)Auto- und Töfffahrern, ist es zudem von Vorteil, keine Stricke zerreissen zu wollen und sich eher defensiv in den steten Verkehrsstrom einzufügen. Nebst der üppigen Steigung sind die Kurven zudem anfangs eher unübersichtlich, was mitunter zu haarsträubenden Szenen mit auf meiner Seite entgegenkommenden Fahrzeugen oder halsbrecherisch überholenden Porschefahrern führte. Überhaupt war die Porsche-Dichte an diesem Tag enorm hoch… Nichtsdestotrotz fand ich schnell meinen Rhythmus und schraubte mich in gemässigtem Tempo den Berg hinauf. Hin und wieder unterbrach ich meine Fahrt, um am Wegesrand ein Foto der wirklich atemberaubenden Bergwelt zu schiessen, mich zu verpflegen und mit einem Blick zurück auszuloten, wo sich meine Mitfahrer befanden. Ausser Mike, der in regelmässigem Abstand immer vier bis fünf Kurven unter mir blieb, konnte ich aber schon bald niemanden mehr ausmachen. Das Wiederaufsteigen und Fahrt aufnehmen in den steilen Streckenabschnitten war nicht immer ungefährlich, denn meistens brauste genau dann wieder ein Möchtegern-Formel1- oder Moto-GP Fahrer heran. Glücklicherweise wurden die Kehren im Schlussanstieg deutlich übersichtlicher, was es mir zwecks Entlastung der Oberschenkelmuskulatur auch mal erlaubte, eine Kurve anzuschneiden, wenn gerade nichts entgegenkam (was selten genug der Fall war). Einen guten Kilometer vor dem Ziel erwischte es mich dann doch noch: Trotz genügend Magnesium-Zufuhr begann es verdächtig in meinem Oberschenkel zu ziehen. Es half alles nichts - Absteigen und Gegenstreck-Übungen waren die einzige Alternative. Dankbar nahm ich die Hilfe eines deutschen Radfahrers in Anspruch, der eine Portion hochdosiertes Magnesium aus seinen Gepäcktaschen hervorzauberte und mir freundlicherweise überliess. Gemeinsam legten wir die letzten Meter bis zur Passhöhe auf 2'760 m.ü.M. zurück, wo wir unsere Räder erleichtert und mit grösster Freude abstellten.

Um meine beginnenden Krämpfe loszuwerden, spazierte ich zum Parkplatz, von wo ich einen wunderbaren Blick auf die soeben überwundenen Strassenkilometer, den herannahenden Mike, das weit entfernte Etschtal und die Gletscherfelder des über 3900 Meter hohen Ortlers genoss. Und hier noch eine kleine Anekdote: Am Fuß einer Stützmauer auf der Passhöhe befindet sich ein kleines Denkmal, das an den legendären, italienischen Radsportler Fausto Coppi erinnert. Der 1919 geborene, dreifache Radweltmeister gewann fünfmal den Giro d'Italia und zweimal das große Double: Giro d'Italia und Tour de France in einem Jahr. Mit nur gerade 41 Jahren starb er 1960 – meinem Geburtsjahr – an Malaria, die er sich während eines Straßenrennens im afrikanischen Obervolta, dem heutigen Burkina Faso, zugezogen hatte. Als 1953 der Stelvio das erste Mal im Programm des Giro d'Italia war, deklassierte Fausto Coppi seine Konkurrenz mit einer nie zuvor gesehenen Solofahrt und erreichte als Erster die Passhöhe. Im Jahr 1965 wurde ihm zu Ehren für die Italien-Rundfahrt der Sonderpreis "Cima Coppi" eingeführt: Der Radprofi, der als Erster den höchsten Punkt der Rundfahrt, die Cima Coppi erreicht, erhält eine Zeitgutschrift und Bonuspunkte für die Extremkletterei. Er hat die besten Aussichten, die Bergwertung des Giro zu gewinnen. Acht Mal wurde die Cima Coppi bisher auf dem Stilfser Joch ausgefahren. Ich gebe zu, solche Informationen lassen unsere Passfahrt nochmals in einem ganz anderen Licht erscheinen…

Nach Mike gesellten sich Rolf vB, Rolf H und Röbi der Reihe nach auf der Passhöhe zu mir – alle hatten wir es geschafft! Ein herrliches Gefühl, das wir in vollen Zügen genossen und mit einem gemeinsamen Gipfelfoto besiegelten, das Frau Thöni, eine Cousine des berühmten italienischen Skifahrers Gustavo Thöni, von uns schoss. Allzuviel Zeit blieb uns nicht bis uns die spürbar sinkenden Temperaturen zur Heimfahrt mahnten. Die Sonne hatte sich zwischenzeitlich hinter Wolken versteckt, aber wenigstens blieb der angekündigte Regen aus. Nun wieder gemeinsam nahmen wir den letzten Streckenabschnitt in Angriff, überquerten nach drei Kilometern die 2501 m.ü.M. liegende Umbrailpasshöhe und flogen beinahe die letzten 13 herrlichen Kilometer über 1120 Höhenmeter hinunter bis Sta. Maria, nicht ohne kurz vorher noch einen Trinkhalt einzulegen! Nach insgesamt fast 70 Kilometern stürmten wir erschöpft, aber glücklich in der Jugi die Gemeinschaftsduschen und gönnten uns ein paar Minuten totales Nichtstun, bevor wir ins Restaurant Alpina aufbrachen, wo wir bei einem feinen Znacht und einem guten Glas Wein die Erlebnisse des Tages noch einmal Revue passieren liessen: Jeder hatte seine ganz eigenen, besonderen Erfahrungen gemacht: Er gelangte an körperliche und geistige Grenzen, erlebte Freudvolles und Ärgerliches, wurde beinahe überfahren, abgedrängt oder schlichtweg übersehen, litt Hunger und Durst (ein Bidon ist für diese Tour einfach zuwenig, Mike…), lernte hilfsbereite Zeitgenossen kennen und erreichte schlussendlich und trotz aller Mühsal das gesteckte Ziel. Einmalig!

Wenn wir keine fixen Frühstückszeiten gehabt hätten, hätten wir den Dienstag, 17. Juli 2018, wohl schlichtweg verschlafen… Nur mit ganz viel gutem Zureden konnten wir uns selber motivieren, eine kurze Abgewöhnungsrunde mit dem Velo zu drehen. 9 Kilometer Richtung Ofenpass bis Tschierv (diesmal setzten wir die Steigung VOR die Abfahrt) und wieder zurück mussten allerdings reichen. Nicht einmal Röbis Plan B, der Besuch der kleinsten Bar der Welt (8.53 m2) mit angeschlossenem Whiskymuseum, konnte uns noch reizen (zumal sie sowieso geschlossen hatte). Da zogen wir es vor, unsere ermatteten Glieder zur Bäckerei Meier zu schleppen und mit Kaffee und Kuchen wieder aufzupäppeln. Nebst der sportlichen Ertüchtigung sollte aber auch der Geist nicht zu kurz kommen und mit träfen Sprüchen trainierten wir unsere Lachmuskeln fast bis zum Geht-nicht-mehr. Überhaupt haben wir in diesen Tagen unglaublich viel gelacht und uns wirklich gut unterhalten, was nebst dem sportlichen Aspekt ja auch nicht zu vernachlässigen ist. An dieser Stelle herzlichen Dank an meine vier Mitstreiter für die tolle Kameradschaft und die gute Stimmung, sowie Rolf vB und Röbi für’s Organisieren. Es braucht eben immer noch jemanden, der beim Träume verwirklichen mit anpackt…!

Nach einer letzten Jugi-Nacht machten Rolf H und ich uns zusammen auf den Heimweg. Röbi fuhr allein mit dem Auto über Bormio zu einem weiteren Verwandten-Besuch und erreichte gegen zehn Uhr abends wohlbehalten seine Heimbasis in Zufikon. Rolf vB und Mike hingegen hatten sich während den Vorbereitungen zu unserer «Stilfserjoch Tortour» entschieden, noch eine Sack-und-Pack-Tour anzuhängen und fuhren gleichentags rund hundert Kilometer mit dem Rad über Meran nach Bozen im Südtirol, um an den folgenden Tagen den Gardasee zu umrunden. Und ich verbringe noch ein paar, hoffentlich nicht allzu aufreibende Arbeitstage, bevor uns drei Ferienwochen im sonnigen Süden OHNE Velo erwarten. Dann hätte ich sicher genügend Zeit, mir einen nächsten Velotraum auszudenken…

Hans-Peter Bratschi